Das erste ist die Entscheidung: hinfahren oder nicht. Wir haben uns Anfang November entschieden. Dann ist schon einiges zu tun: Bob Cummins aus Oshkosh fragen, ob wir zusammen reisen wollen und er uns „aufnimmt“, Urlaub klar machen, Flüge buchen, Sondergepäck buchen und schon mal überlegen, wie das so alles mit dem Packen der Boote war.

Im Februar wird es dann ernst und mit Packen, Wiegen, Grübeln und Umpacken usw. hat man gut zwei Wochen zu tun.
Am 12.02. ging es dann 16:00 Uhr los, um in Hamburg den Vorabend-Check-in zu nutzen. Denn vier Pakete mit 32 kg und vier mit 23 kg sind im Flughafen etwas unhandlich und auch für die Leute am Check-in etwas besondes. Am Abend ist es ruhig und entspannt und es klappte auch sehr gut. Auch gut klappte unser neues System: Kufenbox mit Rädern als Wagen nutzen, Boot drauf festschnallen und darauf eine Rolle mit den Segeln bzw. Planken. Das ganze in eine Hand nehmen und in die andere Hand den Rollkoffer. Jarek Ratzki, der sich erst spät nach seinem Europameisterschafts-Titel für die Reise entschieden hat und von Polen aus keinen Flug mit Equipment bekommen hat, war extra mit dem Auto aus den Masuren nach Hamburg gefahren. Bohni hat ihm geholfen und alles vermittelt und wir mussten nur sagen, „das Gleiche noch mal“ und dann war der Check-in für ihn auch erledigt. Wir haben im Auto übernachtet, 5:00 Uhr aufstehen, Auto auf einen Dauerparkplatz mit Shuttle bringen, Sicherheitskontrolle, Frühstücken, Jarek treffen, nach Frankfurt fliegen, 1,5 Stunden warten, 8 Stunden fliegen, Equipment schnappen (es war alles da und auf erstem Blick auch heil), alles bei Bob ins Auto laden (Jarek bei Leschek) und 3 Stunden nach Oshkosh fahren. Nur noch kurz abladen, Pizza essen und bis zur neuen Schlafenszeit durchhalten, dann endlich schlafen. Es war wegen des Wetters noch nicht klar, wo es hingeht. Überall lag sehr viel Schnee, am Supermarktparkplatz Berge, so hoch wie ein Haus und in Bobs Garten etwa wadentief. So hatten wir Zeit, die Boote und Masten wieder zusammen zu bauen und im Trailer zu verstauen. Die Boote haben einige Dellen abbekommen und bei Holger muss auch bisschen Epoxi ran.

Am 14.02. ist dann klar, dass es Richtung Süden geht. Es gab zwei Optionen: Ein sehr kleiner See in Indiana (Lake Wawasee) und ein etwas größerer in Ohio. Die letzte Telefonkonferenz war im Auto 100 km vor Chicago und es war dann klar: keine Verschiebung (wegen der Wettervorhersage mit viel Schnee am Mittwoch, auch wenn die Boote der Polen noch nicht angekommen sind). Es geht am Sonntag in Ohio auf dem Indien Lake los. Das Hotel ist in Lima, etwa eine halbe Stunde Autofahrt vom See entfernt. Die Fahrt zieht sich, wir verlieren noch eine Stunde durch die Zeitumstellung und sind dann Mitternacht im Hotel. Ein paar Eissegler laufen auch noch rum oder sitzen an der Bar. Den Samstag haben wir zum Aufbauen der Boote und für ein paar Trimmschläge genutzt. Es läuft alles gut, so dass wir beschlossen haben, nach zwei Stunden aufzuhören, denn ohne Tonnen fuhren alle etwas quer durcheinander und es kamen immer mehr Boote. Die Boote der Polen waren in Paris durch einen Streik der Packer weiterhin verschollen und die Polen bastelten verschiedene Leihboote zusammen: Tomek und Robert haben sich ihre alten verkauften Rümpfe noch mit ihren Nummern geliehen und Masten, Planken und Segel von Steve. Die Boote von Kuba und Martin und Andreas waren auch im Einsatz. Mikael konnte das Boot von Daniel nutzen, der sein Ersatzboot segelte. Marek bekam das Boot von der Frau von Chris, die ungefähr sein Gewicht hat. Er segelte aber nur einen Tag, die Sachen waren nicht auf einem Stand, mit dem es Spaß macht. Darek und Lukas entschieden nach dem Probierschlägen, nicht mitzusegeln.

Bei der Registrierung mussten alle einen Regeltest ausfüllen, aber nicht nur mit drei Fragen, wie in Europa, sondern mit 15 Fragen. Es wurde in drei Flotten gesegelt. Ich war mit einem Ranking von 16 in Silber gesetzt, hatte also den zweiten Start. 9:00 war Skippersmeeting, danach Eröffnung und 11:00 Uhr sollte es losgehen. Das hieß 6:00 Uhr aufstehen, in ein Nachbar-Restaurant zum Frühstück gehen, denn das im Hotel war ungenießbar. Ich hatte Startplatz 31 und es war noch nicht klar, ob man so weit außen mit einem Schlag an einer Landecke vorbei kommt, um die Leeline zu bekommen. Aber es klappte, guter Start, schnell in Speed gekommen, Leeline gut erwischt und 1. an der Tonne :-), hinter mir Adam mit Martins Boot und dann eine Weile nichts. Die Startreihenfolge sagte, dass der 1. Platz in der Quali im A-Lauf ganz außen links ist, so war ich nicht traurig, dass Adam Vorwind vorbei fuhr. Ich blieb hinter ihm und griff nicht an. Bohni kam noch auf dem letzten Vorwind mit Bohni-Speed vorbei und alle qualifizierten sind glücklich.

Am Abend hatten wir in jeder Gruppe zwei Rennen. Die Wettfahrtleitung, die nur aus Ehrenamtlern bestand, meisterte die Qualirennen, Winddrehungen usw. bestens. Zwischendurch gab es Eisregen mit sehr wenig Sicht. Ich hatte den besten Platz hinter dem Zelt der Wettfahrtleitung. Alle anderen sahen aus, wie ein mit Zuckerguss überzogener Kuchen. Nach der Front drehte der Wind und es war Schluss für den Tag. Da Sonnenuntergang gegen 18:00 war, hätte das letzte Rennen bis halb sechs gestartet werden können. Montag war ein Traumtag: zwar bewölkt, aber 5-6 Meter Wind, etwas drehend, so dass die Rennen interessant waren und sich immer noch etwas verschieben konnte. Holger und ich waren mit unseren Platzierungen sehr zufrieden. Höhepunkt war aber die 5. Wettfahrt: Wir starteten beide links, zwei Boote zwischen uns. Der Start gelang gut, wir fuhren beide aus dem Feld heraus und hatten einen guten Zieher. Ich wendete etwas eher, um nach der Wende noch vor der Marke wieder in Fahrt zu kommen. Holger hatte noch einen guten Wind erwischt und war an der Tonne weit Erster. Dann kamen Mikel und Tomek und dann schon ich. Hinter uns war eine Lücke. Die beiden vor mir kämpften miteinander, interessant anzusehen und absolut fair. So blieb ich gut dran und kam sogar immer etwas näher. Holger hatte eine halbe runde Vorsprung und ersegelte seinen fünften EM/WM-Wettfahrt-Sieg (in seiner Karriere). Tomek gewann den letzten Vorwind-Zweikampf und ich hatte etwas mehr Speed als Mikel. Er musste noch einmal Halsen und mit Backbord kommen, damit ich nicht noch vorbei fahre. Erst nach dem Ziel merkt er, dass ich das bin und nicht Holger und war ganz aus dem Häuschen. Fünfter wurde Robert und in der Vermessungszone lagen sich alle in den Armen und freuten sich miteinander. Mein sechster Lauf endete auch noch mit einem super 5. Platz und ich war sehr froh.

Der Dienstag hatte mit Ansage keinen Wind, aber dafür pralle Sonne, so dass am Abend bei der Siegerehrung alle Farbe im Gesicht hatten. Es gab Pizza und der Europa-Tisch hatte viel Spaß miteinander. Da am Mittwoch erst Regen und dann Schnee bei sehr viel Wind und wieder Frost angesagt war, hatten alle ihre Boote verpackt. Wir konnten unsere Boote bei den New-Yorkern in den Trailer legen, damit sie nicht vereisen. Am Morgen war auch klar, dass das eine gute Entscheidung war, der See war mit ca. 10 cm nassem Schnee tot. Mittags wurde entschieden, dass es Donnerstag auf dem Lake Wawasee in Indiana mit der Nordamerikanischen Meisterschaft weiter geht. Die zwei Stunden Autofahrt waren schnell erledigt und wir konnten unseren Trailer in den regionalen Verein in Poolposition bringen. Es regnete immer noch, so dass keiner abgeladen hat. Der See wurde von Stunde zu Stunde grauer und da Frost angesagt war, bestand Hoffnung, dass es etwas werden könnte.

Der Lake Wawasee ist ein beliebtes Sommerrevier mit riesigen Sommerhäusern rundherum. Im Winter leben ca. 2500 Leute in der Gegend, im Sommer 30.000. Das Hotel war sehr schön, fast alle Segler konnten zusammen wohnen und die Küche war sehr gut. Das beste war, dass wir nachts endlich ein Fenster öffnen konnten und Nase und Lippen sich von der trockenen klimatisierten Luft erholen konnten. Der Donnerstag war der längste Tag: aufstehen 6:00 Uhr, abladen, rausfahren und Einsegeln bei 7-8 Meter Wind und Sonne und sehr kleiner Bahn. Dann fünf Rennen für alle drei Flotten bei später 5-6 Meter Wind. 18:00 sind wir wieder an Land gekommen und waren ganz schön fertig. Das angesetzte Meeting am Abend fiel mit sieben Teilnehmern (die anderen waren beim Duschen, Essen oder im Bett) und fünf Minuten sehr effektiv aus. Das war richtig Sport und wieder erfolgreich für uns, denn Holger lag auf dem 6. und ich auf dem 15. Platz.

Am Freitag war sehr wenig Wind, aber wieder schöne Sonne angesagt. Der Wind war für 1,5 Stunden regattatauglich, allerdings etwas trickreich, so dass die Bronze-Flotte noch zwei und Gold und Silber noch eine Wettfahrt schafften. Die A-Flotte hatte den meisten Wind abbekommen und mit den Plätzen 10 (ich), 13 ( Holger) und 16 (Bernd) schlossen wir die Regattaserie ab. Alle konnten ganz trocken in herrlicher Sonne verpacken. Allerdings war der Zugang zum Eis durch die vielen schweren Autos, Trailer und das Hin- und Hergehen komplett aufgeweicht, so dass die Schuhe fast im Schlamm stecken blieben. 16:30 Uhr war Siegerehrung, aber fast die Hälfte der Segler blieben noch eine Nacht im Hotel, so dass noch schöne Gespräche geführt, viel gelacht und sich in Ruhe verabschiedet werden konnte.

Am Samstag war die nächste Front mit Starkregen angesagt, die wir in Chicago voll abbekamen. Aber Sonntag und Montag hatten wir noch zwei Tage, um alles zu trocknen (sonst sind die Boote im Flieger zu schwer) und wieder zu verpacken. Das Ganze dauerte auch einen ganzen Tag. Bei morgens -16 Grad ging es am Dienstag wieder nach Chicago zum Flieger, der uns nun wieder zurück nach Hause bringt. Damit schließe ich bei noch verbleibender Flugzeit von 4 Stunden und 27 Minuten nach Frankfurt meinen Bericht.
Bis bald auf dem Eis, Anja G-390.